Erwartungen eines Ochsen Weihnachtsgeschichte 2025
Erwartungen. Weihnachten ist ein Fest der Erwartung: Maria und Josef hatten bestimmt
Erwartungen, was die Geburt von Jesus betraf. Die Juden erwarteten den Messias.
Wir erwarten Jesus, wir erwarten Geschenke, wir erwarten eine besondere Stimmung, Friede,
Freude, Gemütlichkeit, Kekse und fröhliche, dankbare Kinder, wenn sie ihre Geschenke öffnen.
Mich persönlich stressen all diese Erwartungen sehr, denn ich denke, für ihre Erfüllung
verantwortlich zu sein.
Was macht Gott? Er macht einfach alles anders, als wir es erwarten. Aber nicht, um uns zu
enttäuschen. Er hat alle Erwartungen in der größtmöglichen Einfachheit übertroffen. Diese
Freiheit wünsche ich mir auch.
Erwartungen eines Ochsen
geschrieben von Magdalena Kubelka
Der Ochs blickte verwundert auf. Wer kam denn um diese Uhrzeit noch in den Stall? Das Futter hatte der kleine Junge doch schon vor Stunden gebracht.
Ein Esel. Und zwei Menschen hatte er auch noch im Schlepptau - na toll. Er kam schnurstracks zu Ochsen herüber gewackelt. Wetten, er würde gleich ohne zu fragen sein Heu fressen!? Diese Esel waren doch alle gleich - eingebildete Besserwisser. Sie kamen viel herum und meinten deshalb, sie wären besonders bewandert.
Was konnte er dafür, dass er nur für die Arbeiten auf dem Feld gebraucht wurde? Schritt für Schritt stemmte er sich gegen das schwere Joch, das ihn am zügigen Vorankommen hinderte. Doch wenn er abends im Stall stand und genüsslich an seinem Heu kaute, dann träumte er davon, wie sein Leben wohl wäre, wenn dieser Retter, von dem alle sprachen, kommen würde. Dieser Retter sei voller Macht und würde alle seine Probleme lösen, hatte er gehört. Vielleicht wäre dann alles wieder wie damals…
Früher - das war schon ziemlich lange her - war er einmal ein ungestümer junger Stier gewesen, mit der festen Überzeugung, die Welt zu verändern. Doch dann kam dieser Tag - dieser unaussprechlich schreckliche Tag, an dem aus dem lebensfrohen Stier ein Ochse wurde (schnipp-schnapp), der nicht mehr nach dem Warum fragte, sondern einfach tat, was man von ihm verlangte. Er wurde gebraucht und fühlte sich dabei verbraucht.
Doch der Retter würde alles verändern, er musste bloß geduldig warten und dann …
Der Ochs wurde je aus seinem Tagtraum gerissen, als der Esel ihn unsanft zur Seite schubste.
“Hi, was geht ab? Mann, bin ich vielleicht müde. Nichts für ungut, aber die Lady hat ein bisschen zugenommen in letzter Zeit - mein Rücken hängt durch wie ‘ne Banane”, sagte der Esel und fraß vom Heu des Ochsen, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
“Ja, nimm nur. Hab ich extra für dich übrig gelassen”, murrte der Ochs.
“Was echt? Woher wusstest du, dass ich komme? Ach, mein Ruf eilt mir voraus”, sagte der Esel begeistert.
Da schaltete sich das Schaf ein, das ebenfalls seinen Wohnsitz hier hatte und stets auf ein harmonisches Zusammenleben bedacht war.
Es sagte: “Esel, vielleicht nimmst du lieber von meinem Futter - hier. Ochs, es ist doch schön, ein bisschen Gesellschaft zu haben, findest du nicht?”
Der Ochse verzichtete darauf, zu antworten.
Dem Esel war es einerlei, wem das Futter gehörte, Hauptsache er bekam etwas zwischen die Backen. Das Schaf, das den Unmut des Ochsen spürte, wuselte um die beiden herum und versuchte, es jedem recht zu machen.
“Sag mal, lieber Esel, was führt dich zu uns in unser bescheidenes Heim? Und wozu hast du diese Menschen mitgebracht?”, fragte das Schaf.
Der Esel genoss die Aufmerksamkeit und sagte:
“Das ist ein ganz besonderes Pärchen - ihr werdet mir noch danken, dass ich sie hierher gebracht habe! Dieses Paar, das weiß etwas, was wir noch nicht wissen! Mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit sind sie Undercover-Agenten auf einer außergewöhnlichen Mission. Ich konnte sie heimlich belauschen: Sie wissen etwas über die Ankunft des Retters.”
“Des Retters?”, wiederholte das Schaf. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Was sollte es bloß tun, wenn er tatsächlich kommen würde? Sich verstecken? Weglaufen? Der Retter war wohl nicht an einem dummen Schaf wie ihm interessiert. Aber es könnte ja versuchen, sich nützlich zu machen, vielleicht wäre es dann in Ordnung, hier zu sein.
Auch der Ochs spitzte nun die Ohren. Das wäre schön, endlich von diesem Elend erlöst zu werden. Keine Probleme mehr, keine nervigen Esel, die einem ins Futter spuckten, kein schweres Joch mehr zu tragen.
“Wann kommt er denn, dieser Retter?”, wollte er wissen.
Doch er bekam keine Antwort. Schaf und Esel blickten zu den Menschen hinüber. Der Mann tat sein Bestes, im Stroh ein gemütliches Lager zu richten.
Der Esel, der wie immer annahm, alles würde sich um ihn drehen, sagte: “Ja, das habe ich mir wahrhaft verdient, nach diesem langen Weg”, und wollte gerade hinüber gehen, als sich die Frau dort niederließ. Irritiert blieb der Esel stehen.
Was nun geschah, hatte keiner der drei kommen sehen.
Die Frau hielt sich den Bauch, stand wieder auf, wanderte unruhig hin und her, stützte sich an der Wand ab, legte sich hin und stand wieder auf.
Der Mann wirkte verloren.
Der Ochs fühlte sich ausgeliefert. Was ging hier vor in seinem Stall?
Das Schaf hatte längst kapiert, was hier los war und schaute respektvoll in die andere Richtung.
Der Esel vergaß zu schlucken, weshalb ihm das Heu aus dem Maul fiel. (Der Ochs bemerkte es zum Glück nicht.)
Die Frau gebar ein Kind.
Die Zeit stand still.
Ein winziger, reiner, perfekter kleiner Mensch war auf ihrem strohbedeckten Stallboden auf die Welt gekommen. Die Frau wickelte das Baby in ein Tuch und sagte: “Josef, schau ihn dir an! Das ist Jesus - unser Sohn.”
“Und unser Retter”, fügte Josef staunend hinzu und Tränen glänzten in seinen Augen.
Nun kam wieder Leben in die Tiere. Sie rempelten sich gegenseitig an.
Habt ihr gehört?! DAS ist der Retter!
Der Ochs glotzte das kleine Bündel in den Armen seiner Mutter an. Was - so klein?? Der konnte ja nicht mal hinter einem Pflug hergehen, geschweige denn, einen ziehen. Wie sollte der ihn aus seiner misslichen Lage befreien?
Das Schaf heulte Rotz und Wasser. Wenn es nur könnte, würde es sich am liebsten selbst melken oder sich die Wolle vom Leib scheren, um dem kleinen Kind irgendetwas anbieten zu können. Da das nicht ging, legte es sich demütig ins Stroh, senkte den Blick und hoffte inständig, gar nicht erst bemerkt zu werden.
Der Esel war außer sich vor Aufregung! Er sah es schon vor sich, wie der Retter in schimmernder Rüstung auf ihm - dem Esel - ein mächtiges Heer anführte, um die Weltherrschaft zu übernehmen. Die anderen Tiere würden ihm bewundernde Blicke zuwerfen und über seinen Mut und seine Kraft staunen. Mit Jesus an seiner Seite, konnte seinem Erfolg nichts mehr im Wege stehen. Noch in tausend Jahren wäre er in aller Munde! Er konnte sein Glück kaum fassen.
Doch schon bald sollten die drei bemerken, dass sie mit ihrem Denken völlig daneben lagen.
Josef machte sich gerade daran, das blutige Stroh zusammenzukehren und hinaus zu bringen - denn so unromantisch das nun klingen mag, wo jemand geboren wird, fließt auch Blut. Und als des Esels Blick auf ebendieses fiel, erschauderte er. Würde es gefährlich werden, bei der Rettung der Welt eine so wichtige Rolle zu spielen? Puh, womöglich wäre er nicht bei allen beliebt, ziemlich sicher hätten sie gefährliche Gegner. Ganz schöner Druck, der da plötzlich auf ihm lastete. Seine Knie zitterten. Der Ruhm aller Welt verpuffte in diesem Moment wie Windhauch.
Das Schreien des Babys holte den Esel in die Wirklichkeit zurück. Der Esel sah Jesus an und erkannte: Er ist der Retter der Welt. Ich bin der Esel. So sehr er es auch genoss, im Mittelpunkt zu stehen, er würde nie der Mittelpunkt sein. Dieses Baby hier war der Mittelpunkt. Jesus würde erwachsen werden, die Menschheit und die ganze Welt retten und vielleicht, vielleicht wäre er, der Esel, oder ein anderer seiner Art, ja würdig, ihn zu tragen. Doch den Kampf würde Jesus kämpfen. Nicht der Esel. Auch die Last trug Jesus. Und nicht er. Es war eindeutig: der Ruhm gebührte Jesus. Der Esel wollte ihn gar nicht mehr. Er wollte nur der Esel sein, der Jesus trug. Ohne Glanz und Gloria, nur aus Ehrfurcht.
Da fiel ihm ein, dass er das ja bereits getan hatte, auf dem Weg hierher nach Bethlehem, und eine Träne rollte ihm über sein pelziges Gesicht.
Als Maria das Baby an ihre Brust legte, hörte es schlagartig auf zu schreien.
Das Schaf betrachtete die Situation und dachte: Er ist so klein, so hilflos und bedürftig. Was kann er denn schon?
Da fiel dem Schaf auf, dass es diese Gedanken eigentlich ständig im Kopf hatte: Was kann ich denn schon? Ich bin klein und wertlos.
Dennoch sah es nun vor sich ein kleines Wesen, wertvoller als alles andere auf der Welt - der König des Himmels.
“Ich habe seine Stimme gehört, die werde ich nie vergessen. Ihm folge ich”, dachte es.
Und von da an fühlte sich das Schaf nicht mehr wertlos. Denn alles, was einem König gehört, ist wertvoll, nicht wahr?
Auch im Herzen des Ochsen regte sich etwas. Das also war der Retter. Er war nicht so, wie er ihn erwartet hatte. Womöglich würde er auch seine Probleme nicht so lösen, wie er erwartet hatte.
Die rosige Haut des Babys sah so weich aus, der dunkle Haarschopf war noch feucht, die kleinen Finger klammerten sich um den Daumen der Mutter. Im Ochsen regte sich ein Beschützerinstinkt. Das irritierte ihn. Sollte der Retter nicht auf ihn aufpassen? Aber das ging ja nicht, das lag auf der Hand. Dieser kleine Kerl brauchte ihre Hilfe, sonst wäre er verloren.
Wenn das Gottes Sohn war - dann musste Gott wirklich großes Vertrauen in die Menschen haben, dass er ihnen ein so hilfloses Baby anvertraute. Aber das Baby schien sich nicht ausgeliefert zu fühlen, so wie er es oft empfand. Es war ganz ruhig und geborgen. Ein Wort ging ihm durch den Kopf: HINGABE.
Auf einmal war der Ochs dankbar dafür, was ihm damals als junger Stier widerfahren war. Er kannte Stiere, die wurden zum Tempel gebracht und kamen nie wieder zurück. Vielleicht hatte Gott diese große Ungerechtigkeit, die ihm widerfahren war, verwendet und etwas Gutes daraus gemacht?! Ja, so war es wohl. Denn nun war er hier. Genau am richtigen Ort.
Er würde die Erde umpflügen und so dafür sorgen, dass wieder Getreide wachsen könnte, damit dieser kleine Kerl etwas zu essen hätte, um groß und stark zu werden.
All der Groll, der auf dem Herzen des Ochsen eine harte Kruste gebildet hatte, fiel ab. Alles hatte einen Sinn. Er musste über sich selbst lachen. All die Jahre hatte er darauf gewartet, dass der Retter käme und all seine Erwartungen erfüllte.
Jetzt war er hier und dem Ochsen wurde klar: dieses Baby musste überhaupt keine Erwartungen erfüllen. Vielmehr lag es an ihm, das zu tun, wofür er geschaffen wurde. Und diese Erkenntnis erfüllte sein Herz mit unbändiger Freude und dem Gefühl, die Welt verändern zu können.
Glücklich ist der Mensch, der Ehrfurcht hat, vor dem Herrn.
(Psalm 112,1)